Die Bedeutung der Methodenforschung in den Sozialwissenschaften

Interview mit den Professoren Eugène Horber und Benedetto Lepori an der diesjährige Summer School in Social Science Methods an der Universität der italienischen Schweiz (USI)

Die diesjährige Summer School in Social Science Methods an der Universität der italienischen Schweiz (USI) ist bereits die 26. Ausgabe. Diese spezifische Tagung mit Workshops wird von der USI in enger Zusammenarbeit mit dem Schweizer Kompetenzzentrum für Sozialwissenschaften FORS durchgeführt.

Über 250 Personen haben sich für die 26. Ausgabe dieser Summer School eingeschrieben und damit ein Drittel mehr als letztes Jahr. Es ist die höchste Zahl von Teilnehmenden, die je registriert wurde. Die meisten von ihnen sind an Schweizer Universitäten immatrikuliert oder angestellt, nämlich 149 Personen, davon 36 an der USI. Von italienischen Hochschulen haben sich 24 Interessierte für die Summer School eingeschrieben, von deutschen 23, und eine studentische Person stammt aus den Arabischen Emiraten. Etwa 50 Teilnehmende haben ihr Universitätsstudium bereits abgeschlossen.

Über die Bedeutung der richtigen Methodik in den Sozialwissenschaften haben wir ein Gespräch mit zwei Spezialisten geführt. Der eine ist Eugène Horber, emeritierter Professor der Universität Genf und Initiator der Summer School in Social Sciences Methods. Der andere, Benedetto Lepori, wirkt als Professor an der Fakultät für Kommunikation, Kultur und Gesellschaft der USI. Professor Lepori ist zudem Delegierter des Rektors im Bereich Forschungsanalyse und hat gemeinsam mit Professor Patrick Gagliardini die Leitung der Summer School inne.

Herr Professor Horber: Was hat Sie vor 25 Jahren bewogen, die Summer School in Social Science Methods ins Leben zu rufen?

Das nationale Programm „Switzerland Towards The Future“ hat mich zur Summer School inspiriert. Dieses Programm sollte dafür sorgen, dass der Rückstand der Schweiz im Bereich der sogenannten sozialwissenschaftlichen Infrastruktur aufgeholt würde. Hierbei ging es um breit angelegte Erhebungen und die methodologische Ausbildung der Forschenden.

Von welchen Konzepten liess sich die Summer School inspirieren?

Seit Ende der 1950er Jahre sind verschiedene Datenarchive entstanden, insbesondere in den Vereinigten Staaten, England und Deutschland. Ziel war es zum einen, die von den Forschenden produzierten Daten zu sammeln und sie der gesamten wissenschaftlichen Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Zum anderen wollte man so eine wissenschaftliche Kultur des Teilens und der Wiederverwendung fördern. Und eben dies erfordert Standardisierungs- und Dokumentationsarbeiten: Um die Analyse der Daten zu ermöglichen, war es auch notwendig, geeignete Methoden zu verbreiten. Deshalb wurden mehrere Sommerschulen für quantitative Methoden eingerichtet. Die Essex Summer School zum Beispiel existiert seit 55 Jahren.

Wie kommt es, dass die Sommerschule der Sozialwissenschaften an der USI stattfindet?

Die ersten drei Jahre der Swiss Summer School in Social Science Methods finanzierte der Schweizerische Nationalfonds. Diese Sommerschule richtete sich damals an Doktorandinnen und Doktoranden. Das war der Anreiz, eine jährliche Tagung mit Workshops auf die Beine zu stellen, die sich durch Einschreibungen finanzieren sollte. Aus institutioneller Sicht wurde die Summer School an den 1993 gegründeten Schweizerischen Informations- und Daten-Archivdienst SIDOS und später an dessen Nachfolger FORS angegliedert. Die ursprüngliche Idee war, eine Art ambulante Sommerschule einzurichten: Verschiedene Universitäten sollten sie abwechselnd beherbergen, die entsprechenden Lehr- und Computerräume zur Verfügung stellen sowie logistische Unterstützung gewähren. Die USI war allerdings die einzige, die uns mit offenen Armen empfing – und so ist heute die Summer School in Social Science Methods fest in Lugano verankert.

Welchen Ansatz haben Sie für die Summer School entwickelt?

Zur Idee der Swiss Summer School kam ich durch meine Erfahrungen an der Essex Summer School, an der ich mehr als zehn Jahre lang gelehrt habe. Und auch durch die Lücken, die ich bei den praktisch-methodologischen Kompetenzen der Doktorierenden und jungen Forschenden in der Schweiz festgestellt habe. Zwar hat sich die Methodik-Ausbildung auf Master- wie Bachelor-Stufe erheblich weiterentwickelt, doch bleiben diese Kurse allzu oft theoretisch, wenig motivierend, weit von konkreten Forschungsproblemen entfernt und schlecht in den Lehrplan integriert. Wenn man eine Doktorarbeit beginnt oder in der Forschung mitarbeitet, wird der Mangel an praktisch-methodologischer Ausbildung deutlich. Um Forschenden zu helfen diese Lücken schnell zu schliessen, braucht es intensive, kurze und praxisorientierte Kurse. Und dies gilt nicht nur für die jungen Forschenden, sondern für alle Forschenden, die neue Methoden erlernen oder ihre Kompetenzen erweitern sollen.

Hat sich das Kursangebot seit den Anfängen stark verändert?

Nebst Grundkursen in Statistik und statistischer Modellierung hat sich das Angebot entsprechend den Bedürfnissen der Forschenden und dem Aufkommen neuer Methoden weiterentwickelt. Anfänglich richtete sich das Kursangebot überwiegend an Doktorandinnen und Doktoranden, die auch heute noch stark vertreten sind. Da aber die methodologische Weiterbildung zunehmend wichtig wird, nehmen auch Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie erfahrene Forschende aus der Wissenschaft, der öffentlichen Verwaltung oder Wirtschaft regelmässig an den Workshops unserer Summer School teil.

Wie wichtig sind statistische Ansätze und quantitative Methoden in den Sozialwissenschaften? Diese Disziplinen werden ja manchmal als „Wissenschaft ohne Zahlen“ bezeichnet.

Die Sozialwissenschaften waren und sind noch zu oft von Methodenstreit zwischen den einzelnen Schulen geprägt. Dazu kommt eine unnütze Debatte über qualitative und quantitative Ansätze, die sich ja beide ergänzen. Seit den 1950er Jahren sind quantitative Methoden in einigen Disziplinen, insbesondere in der Politikwissenschaft und der Soziologie, von zentraler, wenn nicht gar vorherrschender Bedeutung. Wenn man, wie in der Schweiz, die Psychologie und die Erziehungswissenschaften den Sozialwissenschaften zurechnet, dann muss das auch für alle experimentellen Ansätze gelten, die auf quantitativen Instrumentarien beruhen. Diese Entwicklung steht in engem Zusammenhang mit der Verfügbarkeit von Statistiksoftware, so zum Beispiel was das Programm SPSS (Statistical Package for the Social Sciences) anbelangt.

Was sind Ihrer Meinung nach die Stärken der Summer School in Social Science Methods?

Wir verlangen von den Dozentinnen und Dozenten, dass sie mindestens die Hälfte der Workshopzeit der praktischen Anwendung des hier geschilderten Ansatzes widmen. Zudem achten wir darauf, dass sie Zeitfenster reservieren für die Diskussion der Forschungsprobleme, die sich bei den Teilnehmenden der Summer School ergeben haben. Es ist wichtig, dass diese Personen in der Lage sind, die erworbenen Kenntnisse im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit anzuwenden. Ausserdem engagieren wir nur solche Dozierende für die Summer School, die willens sind, in Sachen Methodik eine deutlich weiterführende Beratung anzubieten.

Geht das Angebot an der Summer School klar über einen Crashkurs hinaus?

Unser einwöchiger Intensivkurs umfasst eine Stundenanzahl, wie sie ein gewöhnliches Universitätsseminar während eines Semesters aufweist. Dieser Kurs erlaubt es jeder motivierten Person, in kurzer Zeit die Grundlagen eines methodologischen Ansatzes zu erlernen. Die einzige Alternative zu diesem Intensivangebot ist ein regulärer Semesterkurs. Den können aber aus Gründen beruflicher oder familiärer Verpflichtungen nicht alle Interessierten besuchen. Ein Intensivkurs bietet den Teilnehmenden die Gelegenheit, die Relevanz einer Methode für die eigene Forschung in kurzer Zeit zu beurteilen. Ausserdem ermöglicht er einen viel stärkeren Austausch zwischen den Kursteilnehmenden, die aus unterschiedlichen Bereichen kommen, aber vor denselben Herausforderungen stehen. Und schliesslich können wir zurecht sagen, dass die von der USI angebotenen Kursmodalitäten und die Qualität des Aufenthalts in Lugano optimal und sehr motivierend sind – für die Teilnehmenden wie für die Dozierenden.

 

Herr Professor Lepori: Warum hat die USI entschieden, die Summer School in Social Science Methods zu beherbergen?

Die Ausbildung von Doktorandinnen und Doktoranden ist für die USI eine Priorität. Diese Personen garantieren nämlich die Zukunft von Lehre und Forschung. Zudem wissen wir, dass etliche von ihnen nach dem Studium verantwortungsvolle Positionen in der öffentlichen Verwaltung und der Privatwirtschaft bekleiden werden.

Wie wichtig ist die Summer School für die USI selbst?

Das Angebot einer hochstehenden methodologischen Ausbildung ist wichtig. Methoden sind ein zentrales Moment jeder Forschungstätigkeit, denn sie stellen die Qualität und Solidität der Ergebnisse sicher. In diesem Sinne bietet uns die Summer School eine wichtige Chance: Dank der Sommerschule können wir ein viel breiteres Spektrum an methodologischen Kursen anbieten, als dies innerhalb der USI möglich wäre. Auch profitieren wir von den Erfahrungen einer internationalen Dozentenschaft. Weiter können sich unsere Doktorierenden mit jenen anderer schweizerischer und europäischer Universitäten messen, neue Impulse erhalten und Möglichkeiten der Zusammenarbeit entdecken. Und schliesslich ist unsere Summer School auf nationaler und internationaler Ebene ein Schaufenster für die USI, was die optimale Ausbildung von Doktorierenden betrifft. Das ist ein Aspekt, der Spitzenuniversitäten auszeichnet.

Gibt es eigentlich viele Sommerschulen dieser Art in Europa?

Ich hole kurz aus: Die Entscheidung des Rektorats und der Fakultät für Kommunikation, Kultur und Gesellschaft der USI die Summer School in Social Science Methods zu beherbergen, beruht zu einem guten Teil auf der ausgezeichneten Arbeit von Professor Eugène Horber. Denn er schuf im Laufe der Jahre ein veritables Qualitätsprodukt. Auch eine Markteinschätzung trug zu unserer Entscheidung bei: Es existiert nur eine grosse Schule dieser Art in Europa, nämlich in Grossbritannien. Also ist genügend Einzugsraum für unser Produkt, die Luganer Summer School, vorhanden, wie die Teilnehmerzahlen belegen.

Wie fügt sich die Summer School in das Lehrangebot der USI ein?

Die Schule ist integraler Bestandteil einer bestimmten Strategie, die das Rektorat und namentlich Prorektor Gagliardi vorantreiben. Man will die Ausbildung der Doktorandinnen und Doktoranden fördern und zielt darauf ab, Synergien innerhalb der Fakultäten und Institute zu schaffen. In diesem Umfeld konzentriert sich die Sommer School auf methodologische Kurse – qualitative und quantitative – im Bereich der Sozialwissenschaften, die der Fakultät für Kommunikation, Kultur und Gesellschaft zugutekommen. Aber auch die anderen Fakultäten der USI können davon profitieren.

Worauf führen Sie die steigende Beteiligung an der Summer School zurück?

Die von uns durchgeführten Umfragen zeigen ein sehr hohes Mass an Zufriedenheit unter den Teilnehmenden. Sie kommen nicht nur wieder, um weitere Kurse zu besuchen, sondern ermutigen dazu auch ihre Kolleginnen und Kollegen. Der Erfolg der Schule beruht also in erster Linie auf der Qualität des Angebots, dem besonderen Ambiente und der guten Organisation. Zu diesem Zweck habe ich gemeinsam mit den Dozierenden die Rückmeldungen der Teilnehmenden sorgfältig geprüft und die Kursinhalte, aber auch die Organisation, an ihre Bedürfnisse angepasst. Ausserdem haben wir das Angebot erheblich erweitert, indem wir Grundkurse über statistische Software und Fortgeschrittenenkurse über neue Methoden, wie z. B. über maschinelles Lernen in den Sozialwissenschaften, anbieten. Ziel ist es, eine möglichst grosse Zahl von Teilnehmenden anzuziehen und so die Sichtbarkeit der Schule zu erhöhen.

Gibt es weitere Anziehungspunkte?

Ja, wir fördern auch Momente der Sozialisierung. Zum ersten Mal haben wir für dieses Jahr einen Networking-Event in Luganos Lido auf die Beine gestellt, an dem auch Studierende, Dozierende sowie Professorinnen und Professoren der USI teilnehmen. Wir wissen, dass dieser soziale Aspekt für die Forschung von grosser Bedeutung ist.

 

Das Interview wurde von Ivo Silvestro der Università della Svizzera italiana durchgeführt.

 

Weiterführende Informationen zur Summer School in Social Science Methods: https://www.usi.ch/it/formazione/apprendimento-permanente/summer-winter-school/ssm